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Alex Kiessling
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Art is a Virus # 6

Der Künstler und Maler Alex Kiessling im EUTOPIA-Gespräch über Blender in der Kunst, das bunte Inferno unserer Zeit, 40.000 Jahre Malerei und die Freiheit einer Künstlerkarriere

Lieber Alex, ich bin vor kurzem mit einem Kunstakademie-Kollegen im Zug gesessen und wir haben über junge, spannende Maler diskutiert und prompt fiel dein Name. Tatsächlich wirst du als heißer Anwärter für eine gute Karriere gehandelt. Wie wirkt sich das auf dein Leben als Künstler aus oder gehen solche Dinge spurlos an dir vorbei?

Also zum einen freut es mich natürlich, sowas zu hören. Zum anderen muss sich eine Karriere aber auch noch so richtig realisieren, bevor wir darüber wirklich reden können. Sind die Erwartungshaltungen zu hoch, wird es bei jedem gefährlich. Derzeit kann und will ich nicht mehr tun, als mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und mich weiterhin künstlerisch entfalten. Ich denke, es kommt auf das richtige Timing an – nicht zu schnell, nicht zu langsam. Karriere ist eigentlich ein witziges Wort, das mit vielfältigen Zuschreibungen und Erwartungen überladen ist – der „Superstar-Gedanke“ ist meiner Ansicht nach recht lächerlich. Jeder definiert ja Karriere anders. Ich möchte jedenfalls weiterhin die Möglichkeit haben, die Dinge zu tun, auf die ich Lust habe, und mir meine Projekte selber finanzieren können. Ich genieße die Freiheit und hoffe diesen Zustand behalten und sogar ausbauen zu können – das ist für mich eine „gute Karriere“.

Besonders deine Serie „Schwimmer“ wird immer wieder erwähnt. Was hat es damit auf sich? Was ist die Idee dahinter?

Da sehr viele unterschiedliche Gedanken und Ideen in jedem Bild zusammenfließen, und es hier definitiv den Rahmen sprengen würde, mich auf jede Überlegung zu meinen Bildern im Detail einzulassen, werde ich kurz versuchen, zu umreißen, worum es mir geht und wie ich zur Schwimmer-Serie gekommen bin:

Prinzipiell geht die Geschichte auf einen recht heftigen Traum zurück, den ich vor einigen Jahren hatte, in dem mir diese Figur in einer ein wenig abgewandelter Form begegnete. Ein sehr intensives Erlebnis, wie ich es davor und danach nicht hatte – und wie viele Träume, sehr absurd und schwer mit Worten zu beschreiben. In jedem Fall eine Erfahrung, die verarbeitet, ja eigentlich abgearbeitet werden wollte. Das Ventil dafür war und ist bei mir natürlich die Kunst bzw. die Malerei.

Als ich dann die Schwimmerfigur begonnen habe zu wiederholen, hat parallel dazu die Beschäftigung mit Träumen und Traumwelten begonnen. Ich bin einfach von der Oszillation zwischen Träumen und realem Leben fasziniert. Traum-artige Strukturen und deren Ästhetik finden sich allerdings nicht nur in „Schlaf-Träumen“, sondern ebenso in medialen Welten (Stichwort „Traumfabrik“) oder virtuellen Realitäten des Cyberspace. Ich versuche in meinen Bildern immer alle diese drei Säulen inhaltlich und auch ästhetisch einfließen zu lassen und zu verbinden. Dabei ist es mir wichtig, vollständige Narration in lose Fragmente aufzulösen, um dem/r BetrachterIn genug Freiraum in der Interpretation zu ermöglichen. Ich finde nichts schlimmer, als sich selbst erklären wollende, vordergründige Bilder. Und so geht es letztlich eben in meinen Schwimmer-Bildern um eines sicher nicht: Schwimmer!

Ich finde es spannend, anhand einer Serie eine künstlerische Entwicklung nachvollziehen zu können. Wie siehst du selber die Entwicklung der Schwimmer-Serie?

Das serielle Arbeiten hat sehr viele Vorteile, da man sich meiner Meinung nach einem Inhalt wesentlich genauer und intensiver widmen kann, als wenn man ständig zu neuen Positionen springt. Vielmehr noch entfaltet sich ein „Mikrokosmos“, der nach und nach immer mehr Facetten preisgibt. Ich sehe in der Entwicklung dieser Serie, parallel zur inhaltlichen Vertiefung, einen Weg zu einer eigenen Formensprache. Meine Schwimmerfiguren, so wie auch andere Protagonisten meiner Bilder, sind sozusagen die Vokabel, die sich der Grammatik meiner Bildkomposition anpassen und unterordnen. Dieses Vorgehen finde ich bei gegenständlicher Malerei ganz entscheidend, da es ab einem gewissen Zeitpunkt eine gewisse Eigendynamik bekommt, mit der man spielen kann. Dieser Transformationsprozess macht die Skurrilität der Figuren erst aus. Skurrilität ist etwas, das ich in der Kunst fast am meisten schätze.

Ist es richtig, wenn ich deine heurigen Bilder mit Männern mit Schlafmasken als Pendant zu den SchwimmerInnenbildern und als Beginn einer neuen Serie deute? Und wenn ja – was sind die nächsten Schritte die du in den beiden Serien umsetzen möchtest?

Ich habe Anfang 2009 begonnen dieses Sujet umzusetzen – die Idee existiert aber schon seit März 2008, nach einem New York Besuch. Der Mann mit Anzug und Schlafmaske saß mir damals in der U-Bahn, anscheinend am Weg in die Arbeit, gegenüber. Ein sehr eigenartiger Moment, in dem sich eine Person einfach aus dem Geschehen versucht herauszunehmen – wie ein Kind, das sich die Augen zuhält. So etwas zieht mich an und ich wollte diesen Zustand unbedingt festhalten. Da Maskierung und Anonymisierung thematisch in meinen Arbeiten ebenfalls eine relevante Rolle spielen, hat sich diese Figur ja fast schon aufgedrängt. Die nächsten Monate sind, neben einem längeren Aufenthalt in China, mit der Umsetzung großformatiger Arbeiten verplant, in denen sich einige meiner Protagonisten auf die eine oder andere absurde Art „begegnen“. Darauf freue ich mich schon sehr.

Ist diese Entwicklung symptomatisch für deine Arbeit oder gibt es divergierende Teile deiner Arbeitsentwicklung, die fundamental anders funktionieren?

Ich beschreibe meine Arbeitsweise immer als sternförmig. Sie hat ein inhaltliches Fundament bzw. einen Kern, und von diesem gehe ich sozusagen strahlenförmig in die, wenn du so willst, einzelnen Serien hinein. Man darf nicht vergessen, dass jede Arbeit für sich selbst nicht abgeschlossen ist, sondern immer auch Studie und Inspiration für die nächste oder übernächste und somit immer in Bezug zu allen anderen Bildern steht.

Wie auf deiner Webseite zu sehen ist, hast du eine Arbeit zum Themenkomplex „Schwimmer“ auch als Skulptur gemacht. Willst du in Zukunft mehr in diese Richtung gehen?

Ja, absolut. Das plastische Arbeiten ist eine perfekte Ergänzung zur Malerei und erzeugt in mir jedes mal aufs neue ein Feuerwerk an Ideen. Noch im Jänner beende ich eine 3m große Skulptur, deren Fertigstellung ich kaum erwarten kann. Ich wage mich damit auch erstmals in ein ganz anderes Format vor! Das ist für mich wirklich spannend!

Auf deiner Webseite gibt es auch die Rubrik „Installationen“. Gibt es dazu schon konkrete Ideen? Hast du bereits öfter in diese Richtung gearbeitet?

Eines meiner Ziele ist es, meine Malerei für einzelne Arbeiten in Rauminstallationen aufzulösen, ihr einen etwas anderen Stellenwert zuzuordnen und die Figuren aus ihrer 2-Dimensionalität zu befreien. Da das sehr aufwändig wird, und ich vor allem im plastischen Bereich noch mehr Erfahrung brauche, um das Projekt wirklich so umzusetzen wie ich mir das vorstelle, wird die Rubrik „Installation“ erst in ungefähr 2 Jahren gefüllt. Ich gebe zu, es ist derzeit ein wenig verwirrend, aber als die Website gemacht wurde, wollte ich diesen Punkt trotzdem schon integriert haben. Es gibt konkrete Ideen, wenn auch derzeit nur im Skizzenblock und in meinem Kopf. Ein akuter Bremser ist leider auch der evidente Platzmangel in meinem Atelier...

Deine Themen sind einerseits der urbane Raum mit dem Menschen in seinem Patchwork-Living und seiner fragmentierten Identität und andererseits Referenzen zur Virtualität und zum Nicht-Realen, zur Traumwelt. Wie verortest du in diesem Spannungsfeld deine Arbeiten?

Eben dazwischen ;) Nein ernsthaft: Ich denke, dass es der Begriff „Spannungsfeld“ ganz gut beschreibt. Alle diese mich faszinierenden Themen gehören in unsere angespannte Zeit, in der rasend schnelle Veränderungen auf absolute und anachronistische Blockaden stoßen und sich unheimlich aneinander reiben. Dass bei derlei Reibung noch ein ganz beachtlicher Funkenflug - wenn nicht sogar Flammen - entstehen werden, spüren sehr viele Menschen. Diese Stimmung versuche ich zu verarbeiten oder auf künstlerische Weise zu dokumentieren – man schaut ja auch gerne ins Feuer, oder? Insofern sind die Arbeiten auch immer ein leichter Blick in ein buntes Inferno. Aber ich kenne auch Leute, die meine Arbeiten ganz anders sehen und deuten – und die haben genau so ihr Recht dazu. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten – so verhält es sich fast wortwörtlich auch mit meinen Bildern.

Wie wichtig ist dir dabei das Auftauchen von Menschen auf deinen Bildern?

Diese Frage ist witzigerweise nicht so einfach zu beantworten, da ich jetzt nicht nur stark figurativ arbeite und den Menschen ins Zentrum meiner Beobachtung gestellt habe, sondern auch meine Malerei eine spezifische figurative Formensprache hat, die wiederum einen bestimmten Zugang ermöglicht, den ich für diese Art zu arbeiten als sehr wichtig empfinde. Trotzdem denke ich, dass nicht nur das Auftauchen von Menschen, sondern die Figuration und Gegenständlichkeit in meiner Malerei selbst nicht auf immer und ewig wichtig sein müssen. Derzeit macht es mir aber einfach Spass und meine Bilder verlangen im Moment diese Zugangsweise.

Auf den „Project Yard“-Bildern ist die Stimmung sehr wichtig. Oft ist der Himmel ein zentraler Teil der Arbeit. Der Mensch scheint hier eher objektiviert. Wie sind diese Arbeiten entstanden?

Zunächst waren diese Arbeiten ein Nebenprodukt und Fotostudien zu Acrylbildern. Mir war aber bald klar, dass einige dieser „Nebenprodukte“ keiner weiteren Umsetzung bedürfen und komplett für sich alleine, als digitale Kollagen oder Montagen, stehen. Der Himmel ist in einigen dieser Bilder wirklich ein wichtiger Bestandteil. Mit leichten Farbveränderungen kann man schon toll die Stimmung verändern. So verhält es sich ja auch im richtigen Leben: ist der Himmel grau in grau oder strahlt die Sonne, oder bedenkt man den orange bis rosa glühenden Nachthimmel über einer Stadt – alles Stimmungsmacher auf ihre Art und Weise, oder? Ist er grün oder violett verhält es sich dann nochmals ein wenig anders. Deshalb ist die Entfremdung des Himmels vielleicht so wichtig in meinen Bildern und erzeugt den „verrückten“, von der Realität verschobenen Effekt, den die Arbeiten brauchen.

Es gibt auch Bilder wie „growing structures“ oder „untitled - structures of lives, dreams and deaths“, wo du dich mit Form und Farbe auseinander setzt. Siehst du das als Produkte deines malerischen Forschungsprozesses, als Etuden sozusagen, zum Studium besonderer Fertigkeiten oder welche Position misst du selber in deinem Werk diesen Arbeiten bei?

Definitiv geht es hier um das Austesten und Erproben – vielleicht kann man es auch Forschungsprozess nennen. Diese Bilder sind allesamt Mischtechniken aus Zeichnung und (Transparent-)Folie. Für mich sind sie eine elaboriertere Form von Skizzen. Ich habe vor zwei Jahren einmal durch eine Auftragsarbeit mehrere dieser Folienarbeiten gemacht und bin dann darauf irgendwie hängen geblieben. Ich liebe die Folien und sie haben einen gewaltigen Vorteil: sie sind leicht transportierbar und man braucht kein Atelier, um arbeiten zu können. Die Serie „untiteld – structures of lives, dreams and deaths“ ist im Sommer auf Reisen und in sehr guter Atmosphäre entstanden. Vielleicht mag ich diese Technik deswegen so, weil Sie mich als Maler relativ unabhängig macht und doch mehr entsteht, als bei einer konventionellen Zeichnung. Es folgen jedenfalls bald mehr davon :)

Wie ich das erste Mal in deinem Atelier war, hast du gerade an einem Großformat gearbeitet, bei dem Menschen sehr zentrale Positionen zum Hintergrund und zueinander eingenommen haben. Wie komponierst du die Bilder? Was reizt dich an dieser Art der Darstellung?

„Das Leben ist eine Bühne...“ denke ich, trifft den Punkt. Die theatrale, inszenierte, manchmal auch bewusst pathetische Darstellung oder eben die Bühnenhaftigkeit, empfinde ich in Anbetracht des Absurden, das unsere Existenz bei kurzer oder längerer – wie auch immer – Überlegung in sich trägt, als die richtige Herangehensweise.

Was bewegt dich, großformatige Bilder zu produzieren?

Ich denke, jedes Motiv verlangt ein bestimmtes Format, damit es funktioniert. Jede Arbeit verlangt eine Haltung meinerseits ihr gegenüber – das bestimmt das Format. Hinzu kommt noch ein persönlicher Spleen, dass nämlich, ab dem Unterschreiten einer bestimmten Bild-Größe, die Lasurtechnik, mit der ich arbeite, nicht mehr so gut zur Geltung kommt. Und es ist umgekehrt für mich mit einem enormen Lustgefühl verbunden, wenn eine Arbeit voll und ganz wirken kann. Dafür ist eben eine gewisse Größe notwendig.

Nun etwas ganz anderes: Als wie wichtig würdest du die Selbstvermarktung eines Künstlers / einer Künstlerin einschätzen?

Naja.... bis zu einem normalen Maß gehört es genauso zum Künstlerdasein dazu, wie die Farbe zum Pinsel. Nebenbei ist dieses Interview ja irgendwie auch so etwas wie Selbstvermarktung, oder? Allerdings stellt sich für mich schon die Frage, was man unter „Selbstvermarktung“ im Genaueren versteht. Wenn jemand eine Arbeit von mir haben möchte, werde ich nicht krampfhaft versuchen, jemand zu sein, der ich nicht bin. Andererseits: Visitenkarten hat ja heute jeder Installateur... Für mich sind allerdings Künstler, die den Klassenclown für eine gewisse Bourgeoisie zum besten geben, die dann wiederum deren „Abfall-Produkte“ gleichsam wie Devotionalien kaufen, zutiefst lächerlich. Blender und Selbstinszenierer halte ich persönlich nur bedingt aus und meistens machen diese Leute auch keine gute Kunst, sondern nur sehr lautes Marketing. Ich schätze die Marktschreiermentalität nicht. Die Kunst wird auch nicht besser, wenn man bei jeder Party oder Vernissage versucht zu socializen oder Phrasen zu dreschen. Die beste Form der Selbstvermarktung ist meiner Meinung nach die Arbeit selbst und die Leidenschaft, mit der man sie umsetzt. Das merken die Menschen und das beweist ja irgendwie die Aussage in deiner allerersten Frage auch.

Eine abschließende und vielleicht provokant anmutende Frage: Siehst du dich selber eher als Maler oder als Künstler?

Da die Frage mir schon oft gestellt wurde, empfinde ich sie nicht als Provokation. Ich sehe mich als Künstler, dessen Ausgangspunkt und Wurzel ein ungefähr 40000 Jahre altes Medium ist. Hört sich vielleicht ein wenig hochtrabend oder geschwollen an – ist aber so. Die Malerei ist wesentlich mehr, als das, worüber die meiste Zeit geredet und geschrieben wird. Die Prozesshaftigkeit dieser Tätigkeit und die Einflüsse auf mein ganzes Leben sind enorm – das Medium selbst ist irgendwie ein Lehrer.

alexkiessling.com