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Thomas Havlik

Thomas Havlik

Thomas Havlik gibt Einblicke in die Arbeit eines Autors und beantwortet die ewige Frage, ob Lesungen ein Teil davon sind.
 

Live-Performer vs Romanautor: sind das die zwei am weitesten voneinander entfernten Stationen einer Autorenexistenz?

Spontan würde ich sagen, das stimmt definitiv, denn ein Schriftsteller muss meiner Meinung nach vor allem gut schreiben können und nicht auf eine besondere Weise lesen. Was zuallererst zählt, ist der Text, das ist ganz klar. So „untypisch“ für einen Romanautor es wirkt, kann es zugleich aber auch möglich sein, dass es ihm zum Beispiel einfach Spaß macht, live aufzutreten - was einen im Literaturbetrieb ja fast schon „verdächtig“ macht.

Wieso verdächtig?

Weil erstens natürlich die Qualität eines schlechten Textes dadurch nicht steigt, wenn man ihn performt, und zweitens, weil vieles, was sich als „literarische Performance“ ausgibt, eine reine „Show der Show wegen“ ist, eine auf den Literaturbetrieb ausgedehnte Art von event-kultureller „Publikumsunterhaltung“, eine Geselligkeitsübung, die das Gefühl evoziert, sie sei vor allem dazu da, um über Textschwächen hinwegzuretten: das mögen einige der szenegängigen Klischees sein, an denen oft auch etwas Wahres dran ist. Deshalb sieht es auf den ersten Blick so aus, als seien der Live-Performer und der Romanautor tatsächlich die am weitesten von einander entfernten Schriftstellerstationen.

Persönlich möchte ich von einer Lesung weder „unterhalten“ werden noch möchte ich gegen latente Langeweile ankämpfen müssen. Ich denke, dass der Autor durch die Leseperformance, wie ich sie mir vorstelle, dem Zuhörer näher als durch herkömmliche Lesungen rückt. Sie ist das Medium, das es am besten schafft, die Trennung zwischen Schriftsteller und Publikum aufzuheben. Anstelle des monotonen Vortrags, der den Besucher in eine Konsumentenrolle zwingt, stellt die Performance eine Verbindung zwischen der Dynamik des Textes und der Figur des Autors her, wodurch der Zuschauer/Zuhörer zusätzliche Facetten des Textes an sich wahrnimmt, welcher ohne Autor ja gar nicht existieren würde.

Was bevorzugst du? Wechselt das?

Die eigentliche Schreibzeit, in der ich mich auch schon einmal gerne ganz klassisch in irgendeine Abgeschiedenheit zurückziehe, um mich besser und tiefer konzentrieren zu können, als auch die Zeit, in der ich am liebsten von einer Bühne direkt auf die nächste klettern würde, sind für mich zwei verschiedene, wenn auch gleichwertig nebeneinander stehende Dinge. Eine erfolgreiche Leseperformance bewirkt bei mir starke, allerdings flüchtige Glücksgefühle. Was länger anhält ist die Befriedigung, die aus einem geglückten Text entsteht. Ich liebe beides.

Live mit FM Zombiemaus: Wie habt ihr einander gefunden?

Über den Weg gelaufen sind wir uns vor ungefähr 6 Jahren im Zuge der Preisverleihung des 1. Litarena-Literaturwettbewerbs, den ich initiiert und gemeinsam mit der Litges. St. Pölten organisiert habe – seine damalige Freundin war eine der Gewinnerinnen. Er hatte eine Ausgabe der Zeitschrift „Target Trash“ dabei, die er zu jener Zeit herausgegeben hat, ein aufregendes Heft inklusive CD mit elektronischer Noise-Musik von FM Zombiemaus, das ich, weil es mir so gefiel, ihm noch während der Veranstaltung abkaufte. Aus dieser Begegnung ist dann eine Verbindung entstanden, die bis heute neben menschlicher Sympathie vor allem auch aus gegenseitiger künstlerischer Wertschätzung besteht, was für mich noch immer eine besondere Qualität unserer Zusammenarbeit ausmacht. Mittlerweile sind wir so oft gemeinsam aufgetreten und waren zum Beispiel gemeinsam auf Lesereise in Berlin beziehungsweise in Belgrad, dass uns eine sehr angenehme Bühnenlockerheit zugewachsen ist, die sich wiederum, glaube ich, aufs Publikum überträgt. Für nächstes Jahr planen wir ein paar Lesungen in Irland, auf die ich mich schon freue.

Wie arbeitet ihr zusammen, wie beeinflusst er deine Performance?

Zu Beginn haben wir vor allem mit einfachen Text-Sound-Verbindungen experimentiert und verschiedene literarisch-musikalische Dramaturgien ausprobiert. So sind wir zu der für uns idealen Art gekommen, die sich dadurch auszeichnet, dass wir uns nicht gegenseitig illustrieren (also dass beispielsweise in einer Textstelle eine Tür aufgeht und man zugleich, die Tonspur einer knarrenden Tür vernimmt), sondern die Medien sich gegenseitig interpretieren, wobei ich Interpretation nicht im Sinn von einem Hintereinander von Sprechperformance und Sound verstehe, sondern so, dass beide eine Einheit bilden, die wiederum aus verschiedenen, sich überlappenden und von einander wegdriftenden Ton- und Sprechspuren bestehen kann. Die Bestandteile dieser Einheit entfalten im schönsten Falle miteinander mehr Live-Energie, als das alleine möglich wäre. Dieses Zusammenspiel kann nicht nur mit lyrischen oder dramatischen Texten entstehen, sondern auch sehr gut mit Prosa, die im eigentlichen Sinne nicht speziell für die Bühne konzipiert ist. Wenn wir ein Gedicht, einen Prosatext oder einen Romanauszug in so eine „Einheit“ mit der Musik gebracht, das heißt: „inszeniert“, haben, beeinflusst das natürlich meine Art des Vortrags, die eine dritte Ebene der Inszenierung darstellt: in gewisser Weise das spontane Moment, da die Performance, auch wenn Sound und Text in Proben aufeinander abgestimmt wurden, bei jeder „Aufführung“ etwas Unvorhersehbares enthält.

Trittst du noch solo auf? Wie sieht das aus?

Natürlich trete ich (wir beide) auch solo auf oder arbeite mit anderen Künstlern zusammen. Ungefähr ein Drittel meiner Auftritte absolviere ich gemeinsam mit FM Zombiemaus. Grundsätzlich sind es ja verschiedene Szenen, in denen wir uns bewegen, weshalb ein gemeinsames Projekt oft erst dann zustande kommt, wenn die Art der Veranstaltung beziehungsweise die Möglichkeiten, die die Location bietet, stimmen. Wenn ich im Literaturhaus oder in der Alten Schmiede lese, lese ich anders als zum Beispiel im Rhiz. Das Auftritts-Spektrum ist ja nicht beschränkt - alleine arbeite ich vielleicht mehr mit meiner Stimme, als mit performativen Elementen.

Dein Roman: seit wann arbeitest du an dem Projekt? Hast du dir für die Vollendung ein zeitliches Limit gesetzt?

Seit fünf Jahren. Er trägt den Arbeitstitel „Reuss“, wird ungefähr 300 Seiten haben und soll im Oktober fertig sein.

Was hast du dabei gelernt, ohne vorher damit gerechnet zu haben?

Ich habe das Gefühl, mich mittlerweile zumindest annähernd so ausdrücken zu können, wie ich gerne will – ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Schritt, den man sich nur mit Geduld und viel Willen „erschreiben“ kann und zu dem gehört, dass man sich intensiv mit den verschiedenen handwerklichen Techniken wie Figuren- oder Dialogführung auseinandersetzt. Zumindest, was das Prosaschreiben betrifft. Seitdem ich mit der Arbeit am Buch vor fünf Jahren begonnen habe, habe ich mich persönlich als auch hinsichtlich meiner literarischen Fähigkeiten stark entwickelt. Das hat dazu geführt, dass ich mich entschlossen habe, weite Strecken des Buches ein zweites Mal zu schreiben. Als würde die erste Fassung etwas wie das Skelett darstellen, das nach und nach zum vollständigen Körper aufgebaut wird. Es ist ein Zusammenspiel der Teile mit dem Ganzen. Um nicht von der „großen Roman-Vision“ niedergedrückt zu werden, die „man nicht und nicht zu fassen kriegt“, ist es sehr hilfreich, von den Einzelaspekten beziehungsweise von den Figuren auszugehen, sich zu fragen, wie sehen sie wirklich aus und was haben sie wirklich vor. Ich habe gelernt, den Figuren zu vertrauen.

Kannst du etwas über den Inhalt des Romans verraten?

Das Buch beschreibt aus verschiedenen Perspektiven die Entwicklung einer Gruppe von Künstlern zu einer terroristischen Organisation und wie es durch den Hauptcharakter „Reuss“, ohne das er es weiß, zu ihrem Scheitern kommt. Außerdem ist es die Geschichte von Tabea, die für einen „Entschädigungsfond für Hinterbliebene ausgewiesener Künstler“ arbeitet und sich auf den Weg nach „Vortex“ macht, einer skurrilen, von der Außenwelt abgeschnittenen Ghetto-Stadt, wohin alle Künstler deportiert worden sind, deren Arbeit über Hinterglasmalerei, Heimatdichtung und Stickdeckchen hinausgeht. Neben den Perspektiven und Handlungssträngen wechseln sich auch realistisch beschriebene Elemente mit grotesken, poetisch überhöhten Szenen ab.

Inwiefern ändert sich die Herangehensweise beim Romanschreiben im Vergleich zu "herkömmlichen" Texten?

Um eine zumindest grobe Skizze, eine Art Roman-Architektur wird man ab einem gewissen Punkt zum Beispiel nicht vorbeikommen, denke ich, im Gegensatz zu kürzeren Texten, bei denen oft eine Grundidee reicht und die sich anschließend quasi aus sich selbst heraus schreiben. Sonst verliert man leicht den Überblick und bekommt das Gefühl: „hier bin ich und dort der übermächtige Stoff, den ich nicht bewältigen kann“. Man sollte sich, wie gesagt, mit den verschiedenen Techniken auseinandersetzen, sich anschauen, wie das andere gemacht haben, viel lesen – nicht nur Gegenwartsliteratur, sondern auch Romane aus vergangenen Epochen und auch Literaturzeitschriften - schreiben, schreiben und schreiben… dazwischen das „Übliche“, also Veröffentlichungen in guten und besseren Anthologien und Literaturzeitschriften; sich selbst treu bleiben, nicht bei irgendwelchen Moden mitmachen oder zu sehr darauf hören, was Kritiker sagen - und auf seine Zeit warten.

Nimmst du häufig an Poetry Slams teil?

Das geht sich für mich eher selten aus.

Haben sich die Poetry Slams in den letzten Jahren mehr in Richtung stand-up-comedy bewegt? Falls ja, was hältst du davon?

Tendenziell habe ich das Gefühl: leider ja. Aber es gibt auch viele professionelle, gute Leute, die man erleben kann.

Welche Unterschiede gibt es zwischen „Textstrom“ und „Litarena“ (abgesehen vom Zyklus und der Altersbeschränkung)?

Die „Litarena - Aktionsplatz für junge Literatur“, ist einerseits eine fixe, von mir als Redakteur betreute Publikationsmöglichkeit für Autorinnen bis 27 innerhalb der St. Pöltner Literaturzeitschrift „etcetera“, andererseits der „Litarena-Literaturpreis für Autorinnen bis 27“, der alle zwei Jahre für Prosa ausgeschrieben wird und bis jetzt dreimal stattgefunden hat – zuletzt im vergangenen Herbst. Im Anschluss an die erste Preisverleihung vor sechs Jahren gab es ein Open Mike, aus dem sich in Folge der erste „Litarena-Lounge Poetry Slam“ entwickelt hat, den ich zwei Mal jährlich zusammen mit Thomas Fröhlich zuerst im Musikcafe Egon und ab der 7. Auflage im Cinema Paradiso in St. Pölten moderiert habe – Textstrom ist der größte Poetry Slam in Österreich.

NÖ vs Wien: wie siehst du die Möglichkeiten für Autoren in den beiden Bundesländern?

Es gibt hier wie dort ein relativ gutes Stipendiensystem, mehr oder weniger renommierte Auftritts- und Publikationsmöglichkeiten sowie Schriftstellervereinigungen und Gruppen, die man kontaktieren kann – in Wien, das liegt in der Natur eines Ballungsraumes, wahrscheinlich von allem ein bisschen mehr. Was natürlich mit sich bringt, dass zum Beispiel jeden Tag Lesungen stattfinden und es für Autoren oder Initiativen manchmal schwieriger ist, die öffentliche Wahrnehmung zu finden, die sie verdienten. Auf diese partielle „Sättigung“ trifft man außerhalb der Stadt tendenziell weniger oft. Zugleich ist aber auch die Wiener Szene eine relativ überschaubare.

Kurzbiographie: Thomas Havlik, geb. 1978 in Scheibbs NÖ, lebt und arbeitet momentan in Wien.

Mitglied der „IG AutorInnen“, der „GAV - Grazer AutorInnen Versammlung“,
sowie der „Litges. St. Pölten“.

Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien (zuletzt u. a. in der Literaturzeitschrift „Kolik“) sowie im Rundfunk (Ö1 Kunstradio, Radio NÖ).

Redakteur der von der Litges. St. Pölten herausgegebenen Literaturzeitschrift „etcetera“.

Initiator des alle 2 Jahre von der „Litges. St. Pölten“ durchgeführten „Litarena-Literaturpreis für AutorInnen bis 27“. Moderator der „Litarena-Lounge“ im Cinema Paradiso, St. Pölten

Literaturpreis „Namen und Gesichter“ 1999,
„Hans Weigel – Literaturstipendium“ 2002, beide Land Niederösterreich,
„Arbeitsstipendium“ 2004, 2006, 2008 Bundeskanzleramt

www.thomashavlik.net

copyright Bilder: Ingrid Reichel, Cornelia Malli, René Bauer