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INTERVIEW: Christina Nemec (Comfort Zone)
INTERVIEW: Christina Nemec (Comfort Zone)
INTERVIEW: Christina Nemec (Comfort Zone)

INTERVIEW: Christina Nemec (Comfort Zone)

Die österreichische Musikerin, Performerin, Labelbetreiberin Christina Nemec im EUTOPIA-Gespräch mit Karl Kilian über ihr Schallplattenlabel comfortzone, französichen Onewomanbands, düstere Popentwürfe, SV Damenkraft und Information als Bringschuld.

 

Liebe Christina, du bist eine fixe Größe in der österreichischen Szene, hast bereits sehr viel gemacht. Dein neuester Streich auf dem Weg zum Universum: du hast vor kurzer Zeit das Label comfortzone gegründet, das auf die elektronischen Szenen von Club, Disco bis in die Minimal Soundart spezialisiert ist. Nun steht bereits der vierte Release in den Startlöchern. Fangen wir allgemein an und kommen wir dann zum Speziellen: Heutzutage eine Labelgründung – noch dazu eines für Schallplatten – völliger WAHNSINN?

Mit einer Auflage von 500 Stück wollen wir einmal schauen, wie es geht. Was möglich ist. Anfangs ist es selbstverständlich schwierig, aber mit der Idee der Splitmaxi verdoppeln wir sozusagen das potentielle Publikum. Networking und Kommunikation sind neben Produktion und Artwork ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir sind dabei, uns einen "guten" Ruf aufzubauen und es gibt noch immer Menschen mit Plattenspieler.

So weit ich weiß, wolltest du zuerst bei 22. JAHRHUNDERTFUCHS veröffentlichen. Dann kam dein Label comfortzone, wo es Schlag auf Schlag geht. Was war letztlich dein Antrieb, dir ein eigenes Label „anzutun“?

22. Jahrhundertfuchs war im Auflösen begriffen. Wir hätten mein Debut noch machen können, aber ich habe mich dann doch dafür entschieden, es gleich selbst zu versuchen, um dieses Networking, das ja für unbekanntere Acts das A und O ist, weiter betreiben zu können und Artists mit ähnlichen Interessen anzusprechen. Will heißen, ich wollte gerne in einem vitalen Umfeld wahrgenommen werden. Die Acts von comfortzone sind sowohl national (Frau Herz, chra, Cherry Sunkist, Horace) als auch international ( Bonnie Li (FR), Alloy Alloy (BEL), Stereonucleose (RO+GER) oder Miko Vainio von Pan Sonic (FIN)).

Wie erfolgt deine Auswahl oder nimmst du auch Bewerbungen per Post entgegen?

Bis jetzt hat sich noch niemand beworben. Einige Acts habe ich über Female Pressure kennengelernt. Andere wie Hard Ton Disco Queen über myspace.

Wenn wir schon dabei sind: vielleicht magst du uns die einzelnen Bandprojekte und deinen Bezug zu ihnen kurz vorstellen.

Bonnie Li ist eine tolle Onewomanband aus Paris, die ich über eine Berliner Seite auf myspace entdeckt habe. Ihre Art des Produzierens mit Sequenzer und Loopstation und Gesang ist mitreißend. Ihr Track "Get down" ein Hit! Kombiniert haben wir Bonnie Li mit Frau Herz aus Wien. Stereonucleose und Alloy Alloy sind beides Duos aus verschiedenen Städten mit einem sehr sympathischen Zugang zu elektronischen Sounds und Partymachen. Cherry Sunkist arbeitet mit ihrer neuen EP an einem schön düsteren Popentwurf. Ähnlich wie bei Bonnie Li arbeitet Cherry Sunkist viel mit Stimme und Doppeldeutigkeiten. Upcoming: Crazy Bitch In A Cave (Wien) - tolle Stimme und Performance - wird gemensam mit Hard Ton Disco Queen (Venedig) - auch tolle Stimme und Performance - veröffentlichen. Mika Vainio von Pan Sonic (Fin) schafft es aus wenigen analogen Signalen, den kältesten und wärmsten Sound zu erzeugen.

comfortzone lebt auch von deinen internationalen Kontakten in die feministische und queere Popszene. Wie kam es dazu und wie wichtig ist dir diese Schiene für dein Label?

Über meine langjährige Tätigkeit als Mitglied des Performancekollektivs SV Damenkraft. Für uns war Vernetzung essentiell und ich habe weiter darauf gebaut. Auch parallel zu den Aktivitäten mit Female Pressure.

Du bist selber Musikerin. Ganz allgemein gesprochen: Wie siehst du die derzeitige Entwicklung des Umfeldes für einen musikalischen Independent-Act?

Vor 15 Jahren fand ich es schwieriger als heute. Durch die verschiedensten Plattformen im Internet ist es leicht, eine Öffentlichkeit für die eigene Arbeit zu erreichen. Es muss halt dann auch immer noch etwas folgen. Es wartet ja niemand auf eine. Da muss jede sich schon raushängen. Manchmal auch sehr weit.

Du selber trittst unter dem Pseudonym „chra“ auf, in kürze sogar in Mexico. Was ist bei deinem eigenen Soloprojekt dein Anspruch an dich und deine Musik?

Exploration. Ruhe. Stress. Leidenschaft. Ich arbeite sehr gerne alleine und teile dann auch gerne. Meine Themen kreisen meist um Bewegung und Grenzen.

Wo liegt musikalisch der Unterschied zwischen deiner Platte auf comfortzone und einer chra-Liveperformance?

Es gibt nicht viel - außer, dass auf der Platte mehrere Spuren zur Verfügung stehen. Live versuche ich die Stücke etwas weniger statisch zu performen. Sie kommen ja oft wie ein Block oder eine Lawine - eine Propagandalawine - daher.

Dein musikalisches Spektrum geht in viele Richtungen, du warst Mitglied der legendären Band SV Damenkraft (mit Katrina Daschner, Sabine Marte und Gini Müller). Die IG Bildende Kunst schreibt: „…die vier sehr unterschiedlichen "Damen" … entsprechen dem klassischen Girl-group-image doch nicht so ganz.

Ihre gemeinsame Sprache ist eine agit-queere á la FEMPLOITATION, die sich aus minimal-brachialem Tech-Lektro-Punk-Pop und explizit sexualisierten Choreografien sowie poetisch-aktivistischen Texten und glamourösen Stylings zusammensetzt. Im Sinne von Emma Goldman´s "It´s not my revolution, if i can´t dance to it." kann nurmehr hinzugefügt werden: AND YOU CAN DEFENITELY DANCE WITH THEM!" (F.X.)

Wie entstand die Idee zu dem Projekt? Wo wolltet ihr hin? Was habt ihr im Nachhinein betrachtet erreicht?

Eine spontane Idee. Sabine Marte und Katrina Daschner schufen ja bereits davor die Band Damenkraft. Während Katrina im Ausland war, beschlossen wir anfangs sehr experimentell mit Musik (kaum Beats), Spoken Word und Video - Gini Müller am Keyboard - Stücke zu erarbeiten, die wir im Rahmen von Frauenbanden präsentiert haben. Als Katrina zurück kam entwickelte sich die Ebene der Choreographie und des Outfits aus - die Stücke wurden logisch tanzbarer. Eine schöne Zeit. Mit dem Musical: "Orlanding the dominant" haben wir vor ausverkauftem Haus gespielt. Was wir erreicht haben? Dass andere sich auch die Bühne zu entern trauen?

Neben all deinen anderen Projekten gibts bei dir sozusagen ein „täglich grüßt das Murmeltier“: Soweit ich weiß, ist das erste, das du jeden Tag nach dem Aufstehen machst, die selbst abgefilmte Ankündigung des von dir auf okto.tv präsentierten Poplastikka-Beitrages. Wie ist das entstanden und wie läuft das wirklich ab?

Ich stehe für die Kamera ca. 1- 2 mal im Monat auf - bin dann immer etwas müde und nervös - stelle die Kamera auf, nehme die Notizen zu den jeweiligen Bands und Videos zur Hand und versuche, möglichst seriös die Sachen anzukündigen, ohne mich selbst allzu wichtig zu nehmen. Bei okto habe ich schon im Vorfeld am Konzept mitgearbeitet. Ich bin also schon seit Sendestart dabei und habe bald meine tausendste Sendung.

Na dann – Gratulation! Du machst das ja auch seit mehr als 4 (!) Jahren, wie hat sich dein Zugang im Laufe der Zeit dazu verändert?

Kaum. Die Zeit vergeht so schnell. Ich habe nicht einmal technische Veränderungen vorgenommen. Keine professionelle Kamera und Ausleuchtung oder so... Ich bin nach wie vor oft überrascht, was für ein gutes Programm manchmal auf okto läuft…

Nochmals zurück zu deinem Label: comfortzone ist auf myspace, auf soundcloud, bei last.fm etc. Wie wichtig sind für ein zeitgenössisches Label diese Wege, in wie weit kannst du sie für dein Label nutzen?

Wir versuchen alle möglichen Plattformen abzudecken - im oben angesprochenen Sinne, dass Kommunikation im Anfangsstadium ein wichtiger Punkt ist, nach dem etwas altbacken klingenden Motto: Information ist eine Bringschuld. Es gibt Plattformen, die einige Dinge besser können als andere.

Wo möchtest du mit deinem Label „hin“?

Kurzfristig: in sämtliche relevante Medien und Festivals - weltweit Langfristig: neue Möglichkeiten erschließen - nicht in Europa und Westen denken. Eventuell davon leben können.

Abschließend: Was hast du für einen Musiktipp für uns?

Bonnie Li: Get Down - cz002

Was hast du für einen Filmtipp für uns?

Chopper (AUS, 2000) Bambule (BRD, 1970)

Vielen Dank für das Gespräch :-)

Danke auch!

 

Alle Links der KünstlerInnen unter www.comfortzonemusic.com